Es fing alles damit an, dass ich im Mai eine Mail mit der Anfrage von Dr. Sinclair bekam, ob ich nicht Lust hätte, zusammen mit Iris einen Vortrag zur Elternarbeit im Internet vorzubereiten und im Oktober beim Ponseti-Workshop in Berlin vorzutragen. Uff, wenn ich nicht gesessen hätte... natürlich freute ich mich riesig! Und Lust hatte ich selbstverständlich, was für eine Frage!
Leider stellte sich recht schnell heraus, dass Iris nicht nach Berlin kommen konnte. Dafür wollte Stephan Raimer, der ja die Klumpfuß-Info mit Iris zusammen betreibt, kommen, damit wir zusammen unsere Seiten „würdig“ vertreten können. Gesagt getan, am 26. Oktober saß ich im Flieger mit Kurs auf Berlin und war gespannt, was auf mich zukommen würde...
Nach meiner Nacht mit Blick auf das Spandauer Rathaus fuhr ich mit dem Bus zum Waldkrankenhaus (war leider kein Doppeldecker, das hab ich als Kind immer gerne gemacht – oben ganz vorne). Dort angekommen fand ich das richtige Haus und lief als erstes Dr. Eberhardt über den Weg – wenigstens ein bekanntes Gesicht! Von Fr. Dr. Böhm bekam ich meine Teilnehmer-Plakette und dann lernte ich Dr. Sinclair endlich „in echt“ kennen. Kurz nach mir trafen Dr. Pirani und Fr. Dr. Davis ein, zwei der internationalen Referenten. Langsam füllte sich der Vortragsraum mit vielen interessierten Ärzten aus ganz Deutschland und den Referenten, die zum Teil weite Wege zurückgelegt hatten.
Prof. Noack, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Traumatologie am Waldkrankenhaus, begrüßte alle Anwesenden und Eröffnete damit den Kurs. Dann begrüßte Dr. Sinclair als Kursleiter die Teilnehmer und stellte kurz die Referenten vor. Es referierten:
Dr. Sinclair, Dubai Prof. Dr. Shafique Pirani, Vancouver Dr. Naomi Davis, Manchester Dr. Stephanie Böhm, Basel Dr. Erika Lamprecht, Winterthur Dr. Rafael Velasco, Zürich Dr. Oliver Eberhardt, Stuttgart Dr. Benedikt Leidinger, Wetter Dr. Korn, Hamburg Tewelde Isaak, Eritrea Dr. Stephan Raimer, www.klumpfuss-info.de, Kiel Diana Schetelig, www.ponseti-fuesse.de, Roßdorf
Ein sehr internationale Truppe also – deshalb lief das Ganze natürlich auf Englisch :-)
Ich habe hin und her überlegt, wie ausführlich ich berichten soll, und habe mich dazu entschieden, die Referate kurz zusammen zu fassen. Zu den Themen, die für alle entsprechend interessant sind, werde ich zu gegebener Zeit Artikel auf die Seite setzen.
Dr. Pirani startete mit einem Vortrag über die Evaluation des Klumpfußes. Er stellte den nach ihm benannten Score vor, der universal für alle KF einsetzbar ist und keine Hilfsmittel zur Bestimmung braucht. Rückfuß und Mittelfuß werden getrennt bewertet und bekommen jeweils zwischen 0 und 3 Punkten. Je höher die Punktzahl, desto schwerer der Klumpfuß. Bei jedem Gipswechsel wird der Score neu bestimmt und gibt eine gute Übersicht über die erreichte Korrektur des Fußes.
Als nächstes referierte Dr. Eberhardt über traditionelle Behandlungsweisen. Bevor die Ponseti-Methode in Deutschland bekannt wurde, wurde zwar immer versucht, mittels Gipsredression eine Korrektur des Fußes zu erreichen. Diese scheiterte jedoch im größten Teil der Fälle an einer unzureichenden Redressionstechnik, weshalb die meisten Füße operiert wurden. Diese Technik wird auch weiterhin an vielen Orten verwendet, wo nicht nach Ponseti behandelt wird.
Fazit des Beitrages war, dass die operative gegenüber der konservativen Korrektur keine Vorteile bringt. Es gibt bei beiden Korrekturformen Rezidive, wobei operativ korrigierte Füße, die wegen Rezidiven ein oder mehrere Male nachoperiert werden müssen, steif werden. Der Aufwand für die operative Korrektur ist wesentlich höher, die Langzeit-Ergebnisse im Vergleich vorhandener Studien sind bei der konservativen Korrektur deutlich besser.
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Dr. Davis führte danach in die korrekte Redressionstechnik ein. In einem sehr humorvollen Beitrag erläuterte sie die „Dos“ und Don’ts“ der Redression. Anhand von Bildern, einem dreidimensionalen MRI-Film und dem Knochenmodell erklärte sie die kinematische Kopplung – die voneinander abhängige Bewegung der Knochen. Diese gilt sowohl für die Bewegungen im gesunden Fuß, als auch für die Korrektur im Klumpfuß.
Bei diesem Beitrag wurden Knochenmodelle ausgeteilt und die Teilnehmer konnten daran nachvollziehen, was Dr. Davis erklärte (wenngleich sie etwas Motivation brauchten...). Sie betonte auch sehr deutlich, wie wichtig es ist, zu lernen, die Knochen im Säuglingsfuß zu tasten.
Im Anschluss daran referierte Dr. Sinclair über die Wichtigkeit der korrekten Gipsanlage. Da die Korrektur im Wesentlichen über die Redression mit anschließender Gipsruhigstellung erfolgt, sind korrekt sitzende Gipse von größter Bedeutung. Schlecht angelegte Gipse können zur Folge haben, dass der Fuß in den Gips rutscht und dadurch sekundäre Fehlbildungen entstehen, die schwer zu behandeln sind. Die Besonderheit dieser Gipse ist, dass die Redression vor der Gipsanlage erfolgt und der Arzt nun den Fuß in der erreichten Stellung eingipsen muss. Wenn der Gips angelegt ist, wird nicht mehr redressiert, er wird nur noch gut an den Fuß anmodelliert.
Dr. Pirani ging im nächsten Beitrag auf die Frage ein, die ihm gerne von Eltern gestellt wird: „What actually happens to those little bones when you cast them, doctor?“
Mit Hilfe von MRI-Aufnahmen machte er sichtbar, was mit den Fußknochen geschieht, wenn der Fuß redressiert und anschließend im Gips ruhig gestellt wird. Diese Aufnahmen sind sehr aufschlussreich und liefern die Erklärung dafür, weshalb bei der Ponseti-Behandlung keine erhöhte Arthrose-Gefahr zu erwarten ist, selbst wenn noch leichte Fehlstellungen der Gelenke vorliegen. Diesen Beitrag fand ich besonders spannend, weil ich mich vor Kurzem mit dem dazu gehörigen Artikel befasst habe und ihn auch für die Seite aufarbeiten möchte.
Danach folgte eine Kaffeepause mit obligatorischem Teilnehmerfoto – die Bäume, die als malerischer Hintergrund dienen sollten, erwiesen sich dabei als fotografische Herausforderung :-)
Als nächstes war wieder Dr. Davis an der Reihe, mit einem Vortrag über die Tenotomie. Sie gab den Ärzten als erstes ein „Mantra“ mit auf den Weg: „Do it well. Do it often!“
Sie beschrieb, wie man den Zeitpunkt erkennt, wann die Tenotomie gemacht werden kann, wo diese angesetzt werden muss und wie sie durchgeführt wird. Dr. Davis betonte auch, dass im Zweifel bzw. bei grenzwertigem Befund immer eine Tenotomie gemacht werden sollte. Die Vorteile, nämlich eine wirklich gute Dorsalextension überwiegen den „Nachteil“ des Eingriffes bei weitem. Zum Ende des Vortrags gab es dann auch noch ein „Schienen-Mantra“: „Fit them well. Keep them on.“
Dr. Böhm referierte danach über die Herausforderungen des Schienenprotokolls. Insbesondere ging sie auf eine Studie ein, in der heraus gefunden werden sollte, ob durch die extreme Abduktion von 70° eine Drehung des Unterschenkelknochens zu befürchten sei. Die Studie, die unter anderem in Zusammenarbeit mit Dr. Sinclair durchgeführt wurde, ergab, dass es nicht zu Drehfehlern kommt und die Schiene keine „Gefährdung“ der Beine darstellt.
Im Anschluss folgte ein Beitrag von Dr. Lamprecht über Behandlungsstrategien für Rezidive. Von der Rezidivbehandlung mit erneuten Gipsen und Sehnentransfer ging es über Weichteiloperationen bis zu knöchernen Eingriffen, um Rezidive bei Klumpfüßen zu korrigieren. Größere operative Eingriffe sind in der Regel bei voroperierten Füßen notwendig.
Darauf ging auch Dr. Velasco ein, als er über die Behandlung älterer bzw. vorbehandelter Kinder berichtete. Seiner Erfahrung nach lassen sich vorbehandelte Kinder bis zu einem Alter von 3 Jahren gut mit der Ponseti-Behandlung korrigieren. Danach muss meistens operiert werden.
Auf diesen Vortragsblock folgte die Mittagspause mit leckerem Essen und der Gelegenheit, sich auszutauschen. Da Dr. Sinclair schon wiederholt auf die Webseiten hingewiesen hatte, wurde ich von einigen Ärzten angesprochen und hatte recht nette Gespräche.
Nach der Mittagspause ging es dann zur Sache – jetzt war der Gipskurs dran. Neun Tische mit Modellen, Watte- und Gipsbinden standen bereit und wurden jetzt von den Ärzten bevölkert. Jeder anleitende Arzt hatte seine ganz eigene Art, an das Gipsen heran zu führen, und schnell wurden Gesichter und Klamotten weißer. Die Atmosphäre war sehr konzentriert, wurde aber zunehmend lockerer, weil jetzt auch Zeit für Fragen und Gespräche zur Behandlung war. Mein erster Gedanke zu den Modellen war: "Waren Pias Füße wirklich mal so klein???". Das wurde mir von den Ärzten jedoch schnell bestätigt... natürlich habe ich dabei fleißig fotografiert. Vielleicht erkennt der eine oder andere ja "seinen" Arzt wieder.
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